Vorwort
Es tut mir Leid, liebe Freunde, denn dieser Post wird anders sein, als mein übliches Geschwafel hier. Normaler Weise ist das "Weltgeschehen" nichts, worüber ich schreiben würde - nichtzuletzt aus Mangel an fachlicher Kompetenz. Aber wenn ich heute aus dem Fenster, in die Nachrichten, oder in die Gesichter meiner Mitmenschen schaue, überkommt mich ein Gefühl, dass ich in meinen fast 40 Jahren auf dieser Welt nicht kannte: Existenzielle Angst.
Unsere Generation hat schon so einiges erlebt, um es mal gelinde auszudrücken. Unzählige Kriege, zwei gewaltige Wirtschaftskrisen und natürlich eine weltweite Pandemie. Und was ist passiert? Konflikte wurden beigelegt, die Märkte haben sich erholt und auch COVID19 ist einfach nur noch eine Krankheit.
Dennoch befällt mich in diesen Tagen, während ich von der Seitenlinie zuschaue, wie sich unsere Welt weiterbewegt, ein Gedanke, der sich einfach nicht abschütteln lässt. Ein Gedanke, so schwer & dunkel, dass er allen Fragen und Entscheidungen, die mich sonst umtreiben, jegliche Bedeutung entzieht. Ein Gedanke, der sich zunehmend anfühlt, wie eine trockene, entwaffnende Gewissheit:
Dass es nie wieder gut wird.
Teil 1: Die Türme
An einem Dienstagnachmittag im September 2001 erhielt ich eine SMS von einem Freund aus meiner Klasse: "Siehst du die Nachrichten? Amerika brennt!" Den Rest des Tages blieb ich zu Hause vor dem Fernseher und beobachtete, wie die Flugzeuge in das World Trade Center einschlugen, wie Menschen aus Fenstern sprangen und wie die Türme kollabierten - wieder und wieder und wieder.
Die Bilder waren surreal und ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, was ich in diesen Stunden dachte. War ich bestürzt? Fühlte ich Angst? Oder war ich vielleicht der Meinung, dass die böse Kolonialmacht USA endlich bekommt, was sie verdient? Ich weiß es nicht mehr. Und es spielt auch keine Rolle. Denn was an diesem Tag begann, war bei weitem zu groß für den Verstand eines 15-jährigen.
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Nur eine Woche später schrieb der amerikanische Journalist & Autor Hunter S. Thompson ("Fear and Loathing in Las Vegas", "The Rum Diaries") folgendes in seiner Kolumne für ESPN:
[...]We are At War now, according to President Bush, and I take him at his word. He also says this War might last for "a very long time."
Generals and military scholars will tell you that eight or 10 years is actually not such a long time in the span of human history -- which is no doubt true -- but history also tells us that 10 years of martial law and a war-time economy are going to feel like a Lifetime to people who are in their twenties today. The poor bastards of what will forever be known as Generation Z are doomed to be the first generation of Americans who will grow up with a lower standard of living than their parents enjoyed.
That is extremely heavy news, and it will take a while for it to sink in. The 22 babies born in New York City while the World Trade Center burned will never know what they missed. The last half of the 20th century will seem like a wild party for rich kids, compared to what's coming now. The party's over, folks. The time has come for loyal Americans to Sacrifice. ... Sacrifice. ... Sacrifice. That is the new buzz-word in Washington. But what it means is not entirely clear.
Winston Churchill said "The first casualty of War is always Truth." Churchill also said "In wartime, the Truth is so precious that it should always be surrounded by a bodyguard of Lies."
Er sollte Recht behalten - wenngleich wir auch längst nicht mehr von 8, oder 10 Jahren sprechen, sondern mittlerweile von 25.
Denn was nach 9/11 als "Kriegswirtschaft" begann, war nur ein milder Vorgeschmack auf das, was folgen sollte. Eine vorsichtige Overtüre zum Ultra-Kapitalismus, der heute jeden einzelnen Aspekt unserer Existenz bestimmt. Wir sind keine Konsumenten mehr, auch keine kleinen Rädchen im Uhrwerk: In diesem System sind wir das Produkt. Eine Klasse von namenlosen, eierlegenden Wollmilchsäuen, deren Wählerstimmen lediglich festlegen, welche Marionette als nächstes gekauft wird.
Wir selbst wurden zum Kapital einer gänzlich neuen Elite. So vermögend, dass unser Zahlenverständnis schlichtweg nicht ausreicht, um ihren Reichtum zu begreifen. So einflussreich, dass kein Skandal und keine Krise je an ihrer Macht rütteln könnten. Und so unendlich gierig, dass es in ihrem stetigen Streben nach mehr schon längst keine Tabus mehr gibt.
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Aber zurück zu uns:
Unsere Generation - ob man sie nun Millenials, oder Gen Y nennt - ist gerade noch alt genug, um sich an eine Zeit zu erinnern, in der ein Großteil der Welt plötzlich kollektiv von einer goldenen Zukunft träumte. Das Ende des kalten Krieges, die Wiedervereinigung, Samstagmorgen-Cartoons, Loveparade, das Internet. Alles Neue war aufregend und vielversprechend - die Zukunft selbst war vielsprechend.
Und heute? Heute kenne ich kaum jemanden aus meiner Generation, der nicht sorgenvoll, oder mit Galgenhumor auf die eigene Zukunft schaut. Während unsere Lebenshaltungskosten regelrecht explodieren, verdienen wir heute im Schnitt weniger, als unsere Eltern - und das obwohl sich unsere Produktivität in dieser Zeit vervielfacht hat. Das Wort "Rente" ist eines, an das wir einfach lieber nicht mehr denken und der "Traum vom Eigenheim" ist für die meisten nur noch ein schlechter Witz, den uns der Schwäbisch Hall-Fuchs in den Neunzigern erzählt hat.
Für jene, die nach uns kommen, sieht die Realität sogar noch düsterer aus: Der durchschnittliche GenZ'er kann sich glücklich schätzen, wenn er sich mit 25 überhaupt eine Wohnung leisten kann. Und so sitzen viele noch als Erwachsene in ihren Kinderzimmern, während sie auf Social Media ununterbrochen mit Bildern einer luxuriösen und zügellosen Welt bombardiert werden, die niemals die ihre sein wird - und die in Wahrheit oft nicht einmal existiert.
Was treibt uns also noch an? Worauf arbeiten wir hin? Welche Ziele kann man sich noch setzen, ohne sich selbst etwas vorzumachen?
Teil 2: Wake up, Dorothy
Vor ungefähr 9 Jahren machte ein ominöser Begriff die Runde durch verschiedenste Internetforen und sorgte später auch für Schlagzeilen in traditionellen Medien: QAnon. Der Begriff stand als Synonym für eine haarsträubende Verschwörungstheorie, nach der eine satanistische Elite von Pädophilen weltweit Kinder entführt - unter anderem um sich mit ihrem Blut selbst jung zu halten.
Die "Idee" selbst war allerdings nicht wirklich neu, sondern vielmehr ein absurder Cocktail aus anderen Verschwörungstheorien ("Pizzagate", "Deep State"), die bereits in den Jahren zuvor in Internetforen, wie z.B. dem Board /pol/ auf 4chan verbreitet wurden.
Worauf ich damit hinaus will? Dazu komme ich gleich, aber lasst uns zunächst noch ein paar Jahre weiter zurück gehen:
Im Oktober 2011 schrieb Boris Nikolic (damals ein Berater von Bill Gates) eine E-Mail an Jeffrey Epstein, weil er ihm einen "coolen Typen" vorstellen wollte. Der Name dieses coolen Typen war Christopher Poole - besser bekannt unter dem Namen "m00t" -, der Gründer von 4chan. Es kam zu einem Treffen zwischen Epstein und Poole, der nur wenige Tage später auf 4chan das Board /pol/ ins Leben rief. Eben jenes Board, auf dem die oben genannten Verschwörungstheorien ihren Ursprung nahmen.
War das alles nur Zufall? Oder wurden die Verschwörungstheorien absichtlich verbreitet, um Beweise und Gerüchte zu den Machenschaften von Epstein & Co. ins Lächerliche zu ziehen und weniger glaubhaft zu machen?
Wer weiß das schon... In jedem Fall zeigt diese Anekdote sehr eindrucksvoll, wie unglaublich weitreichend die Netzwerke der neuen Eliten sind und wie leicht es ihnen fällt, alles zu manipulieren, was wir zu sehen bekommen.
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Wo auch immer wir hinschauen, wann auch immer wir mit Informationen konfrontiert werden: Die Informationsquelle steht nahezu immer unter direkter Kontrolle irgendeines Tech-, oder Medien-Milliardärs. Menschen wie Mark Zuckerberg, oder Elon Musk - und selbst Donald Trump via Truth Social - nehmen direkten Einfluss darauf, was hunderte Millionen Nutzer täglich auf ihren Plattformen zu sehen bekommen. Sie beeinflussen, wie wir denken, was wir glauben, wen wir hassen.
Zeitungen, Fernsehsender, Nachrichtenportale - das Bild ist überall das gleiche, denn nahezu alle befinden sich in der Hand gigantischer Medienkonzerne, denen die Wahrheit nichts bedeutet. Sie bombardieren uns rund um die Uhr mit sensationalisierten und politisch geladenen Schlagzeilen, die vor allem für zwei Dinge sorgen sollen: Wut und Angst.
Und wozu das ganze?
Die USA nach 9/11 wurden zu einem Präzedenzfall, der gezeigt hat, wie "handzahm" und blind sich ein Volk verhält, das - befeuert vom "Krieg gegen den Terror" - quasi dauerhaft ängstlich und wütend ist. Es reagiert kaum darauf, wenn man ihm nach und nach Besitz, Einfluss und Freiheit entzieht.
Nun hätte dieser Zustand - zusammen mit dem Krieg gegen den Terror - eigentlich längst enden müssen, doch durch die Wahl von Barrack Obama (der bei den Republikanern so verhasst war, wie kaum jemand vor ihm) zum Präsidenten im Jahr 2008 hat sich eine neue Möglichkeit ergeben, Angst und Wut am Leben zu erhalten: Die Spaltung des Volkes.
Einseitige Berichterstattung in den Nachrichten, Panikmache und Hetze auf Social Media - viel mehr brauchte es am Ende nicht, um bereits existierende Verwerfungen innerhalb der Bevölkerung zu einem Konflikt zu machen, den man beliebig verschärfen und in die Länge ziehen kann. Blind vor Hass auf "die anderen" hinterfragen die Menschen nicht mehr, warum ihre Gehälter stagnieren, obwohl die Wirtschaft boomt, warum Grundbesitz unerschwinglich geworden ist, oder warum der Präsident Strafzölle gegen eine Insel verhängt, auf der ausschließlich Pinguine leben.
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Das gleiche passiert mittlerweile in etlichen Ländern der Welt, auch hier bei uns. "Links gegen Rechts", "Multikulti, oder völkischer Nationalismus", "Windräder, oder Atomkraftwerke" - das alles sind heute nur noch Scheindebatten, deren Ziel es nicht ist, zu einer Lösung, oder Einigung zu finden, sondern lediglich den Konflikt am Leben zu erhalten. Wir sollen keine Kompromisse finden - dieses Wort existiert nicht mehr. Wir sollen interagieren, denunzieren, abonnieren. Denn wir sind das Produkt.
Während uns Abos und Subscriptions als neue Alternative zum Besitz verkauft werden, reißt sich irgendein Großinvestor die Hälfte unserer Heimatstadt unter den Nagel, um dort Wohnkomplexe zu errichten, deren Mieten sich niemand leisten kann. Aber es spielt keine Rolle, ob dort je jemand wohnt. Sie sind lediglich Kapital. Sie sind nur Vermögenswerte.
Während wir uns mit ganzem Herzen einer Seite eines Konfliktes verschreiben, auf dessen Ausgang wir niemals einen Einfluss haben werden, teilen ein paar Dutzend soziopathische Milliardäre jene Zukunft unter sich auf, die uns in den Neunzigern versprochen wurde.
Während wir uns - ohne es zu wissen - in irgendeinem Kommentarbereich mit einem KI-Chatbot über den Klimawandel streiten, stirbt das Konzept "Wahrheit" einen langsamen, qualvollen Tod.
Unsere Stimme ist verstummt.
Unsere Freiheit ist eine Farce.
Wir sind das Produkt.
Teil 3: Brooks was here
"I have trouble sleepin' at night. I have bad dreams like I'm falling. I wake up scared. Sometimes it takes me a while to remember where I am. [...] I guess I'm too old for that sort of nonsense any more. I don't like it here. I'm tired of being afraid all the time. I've decided not to stay. I doubt they'll kick up any fuss. Not for an old crook like me."
- Brooks, Die Verurteilten
Der Titel des vorherigen Abschnitts mag es so klingen lassen, als ginge es mir darum, Euch "aufzuwecken" und etwas zu unternehmen - ganz im Stil einer typischen Verschwörungstheorie. Doch das ist es nicht, worauf ich hinaus will. Ich musste es mir nur von der Seele schreiben. Nennt es einfach "Therapie", wenn Ihr möchtet.
Denn wenn Ihr mich fragt, ist es zum Aufwachen bereits zu spät. Die Epstein Files haben gezeigt, dass kein noch so großer Skandal die Netzwerke der neuen Machteliten erschüttern kann. Natürlich fallen ein paar Bauern, aber die wichtigen Figuren werden nicht einmal ins Wanken geraten. Wenn man so einflussreich ist, dass sich Staatsoberhäupter von einem abhängig machen; Wenn man so wohlhabend ist, dass der eignene Bankrott die Weltwirtschaft erschüttern könnte... dann gibt es so etwas, wie "Konsequenzen" schlichtweg nicht.
Die Menschen, die ultimativ darüber entscheiden, wie viel sie den unteren 99,9% zum Leben überlassen, sind keine guten Menschen - so viel steht für mich fest. Dass Macht, Geld und Ruhm einen Menschen verderben, ist schon seit der Antike bekannt. Aber ich glaube nicht, dass es jemals in der Menschheitsgeschichte so war, wie heute. Kaiser, Eroberer, "Gottkönige"... keiner von ihnen hatte je so viel Einfluss wie Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, oder sogar Peter Thiel. Und ich hasse diese Vorstellung.
Um es mit den Worten von John Coffey aus "The Green Mile" auszudrücken: Ich bin müde, Boss.
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Ich bin müde, liebe Freunde. Und ich hoffe, dass ich mit allem, was ich hier geschrieben habe, falsch liege. Dass ich einfach ein bisschen zu tief in den virtuellen Kaninchenbau gekrochen bin und mein Bezug zur Realität dabei in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dass Konsequenzen und die Macht des Volkes weiterhin existieren und das unsere Zukunft - wenn auch nur in Teilen - weiterhin uns gehört.
Und dass wir hier irgendwann wieder von einander lesen - an einem besseren Tag, in einer besseren Welt.
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