Mittwoch, 28. August 2019

Taking chances





Wenn im Leben eines Menschen etwas Unvorhergesehenes passiert – etwas, das schockiert, aus der Bahn wirft und das Leben auf den Kopf stellt -, fällt ein Satz oft leichtfertig:

„Sieh es als Chance.“

Was für ein Bullshit. Oder könnt Ihr Euch vorstellen, jemandem der seine Beine bei einem Unfall verloren hat, zu sagen: „Sieh es als Chance“? Ich bin mir sicher, dass er sich seine Beine allein schon aus dem Grund zurückwünschen würde, um Euch in den Arsch zu treten.

Und doch… ist etwas Wahres daran. Nicht in dem Sinne, dass man glauben sollte, der Schicksalsschlag stellt sich am Ende als etwas Positives heraus… Eher wie…

Lasst mich versuchen, es mit einem Beispiel zu verdeutlichen:

Der Tod des eigenen Partners ist eine absolut furchtbare Sache & umso furchtbarer, je jünger man ist. Ich denke, jeder wird mir zustimmen, dass es kaum ein denkbares Szenario gibt, in dem man einem solchen Fall ernsthaft etwas Positives abgewinnen kann. Oder das überhaupt will…

Nun stellt Euch vor, Ihr wolltet schon immer auf dem Jakobsweg pilgern, aber Euer Partner wollte es nicht. Stellt Euch vor, Ihr habt Euch von dem Gedanken verabschiedet, weil Ihr Euren Partner nicht für über einen Monat mit den gemeinsamen Verpflichtungen allein lassen wolltet. 

Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Jetzt könnt Ihr, wenn Ihr wollt.

Es hilft nicht im Geringsten & es macht die Situation kein Stück besser… Aber es ist trotzdem eine Chance. Irgendwie. (Ich bin dennoch der Meinung, dass man das den Betroffenen nicht so sagen sollte. Das wäre pietätlos. Und makaber.)

Man muss irgendwann den Tatsachen ins Auge sehen. Die Scheiße (welche auch immer) ist passiert und egal, was wir tun oder nicht tun: nichts macht es mehr ungeschehen. Wir können nur hoffen, dass sie mit der Zeit aufhört, zu stinken.

Also macht man sprichwörtlich „das Beste draus“. Diese Redewendung ist kein bisschen besser, als die mit der Chance – und mindestens genauso unbeliebt. Aber ebenfalls zutreffend.

Was soll man auch anderes tun? Weitermachen wie vorher ist meist keine Option & es absichtlich noch schlimmer zu machen klingt auch nicht wirklich verlockend.

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      Was passier'n soll, wird passieren
      Und man kann es zwar probieren
      Doch wer kämpft, der kann verlieren
Um dann wieder aufzusteh'n

      Und man hadert mit dem Frust
      Und man kämpft mit dem Verdruss
      Doch manchmal braucht es den Verlust
Um die Chance darin zu sehen



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Hallo zusammen.

Nachdem der letzte Eintrag hier ziemlich allgemein gehalten war, soll dieser wieder etwas mehr direkten Bezug zu meinem Leben haben. Ein „Lagebericht“, wie ich es früher oft genannt habe.

Mein neues Leben ist jetzt ein dreiviertel Jahr alt und schon seit einigen Monaten nutze ich ganz bewusst die „Chancen“, die es mir bietet. Anfang des Jahres war es noch kaum vorstellbar und „mach das Beste draus“, war das Letzte, was ich hören wollte… Und doch ist es genau das, was ich jetzt tue.

Ich habe kein Grundstück mehr, was für mich zunächst viel weniger Raum zur eigenen Entfaltung bedeutet hat. Das bedeutet es auch jetzt noch – daran hat sich nichts geändert. Aber es bedeutet auch mehr Zeit. Mehr Zeit für die eigene Entfaltung, wenngleich auf engerem Raum. Mehr Zeit, um Chancen zu nutzen.

Im Moment nutze ich die Chance, doch noch ein paar Worte aufs virtuelle Papier zu bringen… Bevor mir die Ideen irgendwann ausgehen, oder ich am Schreiben einfach keine Freude mehr finde. Oder bevor sie endgültig niemand mehr lesen will…

Und sonst so?

Auch sonst waren die letzten Monate geprägt von unverhofften Chancen und ungewollten Tauschgeschäften. Der Kummer im Anschluss an die Trennung hat meinem Körper einiges abverlangt und mich in einem ziemlich unansehnlichen Zustand zurück gelassen... Also fing ich an zu trainieren. Und hatte Spaß daran. Also stellte ich meine Ernährung um & kochte deutlich mehr. Und hatte Spaß daran.

Dennoch hätte ich diese "Trade Offs" wohl niemals freiwillig getätigt. Mein beschauliches Leben im Wald gegen Schweiß, sowie klappernde Töpfe und Pfannen in einer kleinen Wohnung? Bestimmt nicht.

Aber ich wurde nicht gefragt.

Und andererseits... Ungewissheit, Unsicherheit & das ständige Gefühl, dass irgendetwas falsch ist gegen ein gesundes Ich-Gefühl & echte Kontrolle über das eigene Leben? Jederzeit.

Perspektive. Fokus.
Mach das Beste draus.

Ein bisschen Schönreden gehört immer dazu. "Schlimm genug" ist es von alleine... Oder wird es irgendwann wieder - im Laufe der Zeit. Da brauchen wir nun wirklich nicht nachzuhelfen. 

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Schlimmer wird es immer von allein. Und wenn nicht, dann darf man froh sein. Aber das Gute und Erfreuliche... das braucht manchmal ein bisschen Hilfe.

Jeder von uns hat Chancen liegen lassen. Bewusst, oder unbewusst... Und jeder von uns hat sein eigenes Päckchen voller Reue. Voller Dinge, die am Straßenrand liegengeblieben sind, weil wir nicht zugegriffen haben, als wir die Chance dazu hatten. Vielleicht haben wir zu lange gezögert, vielleicht haben wir die Chance nicht als solche erkannt, vielleicht hatten wir Angst.

Es spielt keine Rolle mehr, denn jetzt ist es zu spät.

Aber es ist auch normal. Jeder von uns sammelt Reue an - im Großen, oder im Kleinen - und wir können nicht viel dagegen tun. Unser Weg ist (hoffentlich) lang und man kann nicht immer jede Chance ergreifen. Sei es drum. Es wird neue geben.

Denkt mal für einen kurzen Moment darüber nach. Vermutlich fallen jedem von Euch ein paar Dinge ein, die man bereuen würde nicht zu tun. Ein paar Chancen, von denen Ihr wisst, dass Ihr sie so langsam ergreifen solltet. Vielleicht ist es schon eine kleine Liste voller Chancen... Versucht sie möglichst kurz zu halten. 

(Ich gehe an dieser Stelle mal voran, denn, wie einige von Euch wohl wissen, habe ich vor einem Monat das Rauchen aufgegeben. Kein Riesenschritt, aber vielleicht irgendwann bedeutsam.)

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Bleiben wir noch kurz bei Chancen. Und bei Perspektive und Fokus.

Ich hatte vor kurzem die Chance, mit einem kleinen Gespenst aus der Vergangenheit für kurze Zeit in den Tiefen dieses Blogs zu wühlen. Sich im Früher zu verlieren und in dem, was vor 10 Jahren war.

Was mir unweigerlich aufgefallen ist, ist die Menge an Pathos und Dramatik, die sich in meinen alten Texten wiederfinden... Denn obwohl dieser hier schon der "positivste" meiner 3 Blogs war, waren manche meiner Zeilen sehr von Pessimismus und Verzweiflung geprägt. Und das kann ich immernoch verstehen...

Ich liebe die Dramatik und den Pathos auch heute noch. Vieles ist irgendwie immernoch wahr... Aber ich kann meine Texte nicht mehr im Ganzen so halten und trotzdem noch ehrlich zu Euch sein.

Denn... naja, um ehrlich zu sein: Vieles, was mich damals so bewegt hat, wirkt mit so viel Abstand wesentlich weniger dramatisch. Letztendlich waren wir doch alle noch sehr jung & die wirklichen Probleme fingen (für die meisten von uns & wenn überhaupt) erst an.

Heute sind unser aller Probleme irgendwie existenzieller. Irgendwie greifbarer. Heute hängt wirklich Schicksal daran.

Unter diesem Aspekt kann man - kann ich - mich nicht mehr in Dramatik verlieren & bei jeder Gelegenheit "in Schönheit sterben". Jedenfalls nicht für lange. Wir alle haben Scheiße erlebt. Wir alle wissen, dass es dennoch weitergeht und dass es weitergehen muss. Stehenbleiben ist keine Option mehr.

Auch heute noch sehen die Dinge oft furchtbar aus und auch heute noch ist die Zukunft an manchen Tagen ein einziger Schatten. Aber man muss damit umgehen. Es ist nicht alles so dunkel, wie es manchmal scheint, aber es wird auch längst nicht alles gut werden. So ist es nunmal.

Wir entscheiden uns für einen Weg. Wir gehen ihn... Und wenn er sich als Sackgasse erweist, müssen wir einen anderen finden. Denn wenn wir ehrlich sind, haben wir keine andere Wahl...



Mancher Tag ist ein Kampf
man verliert ihn und dann
Ist der Abend so bitter
und die Nacht viel zu lang

Und man will nicht mehr weiter
keine Kraft, keinen Mut
Und die Zukunft wirkt düster
und auf Sturm folgt die Flut

Doch es gibt keine Wahl
und es gibt kein Zurück
Keinen einfachen Weg,
keinen Schuss, keinen Strick

Denn nur wer es schafft,
wieder aufzustehen, sieht
Wie die Fluten zurück geh'n
und der Sturm sich verzieht

Und man muss einfach glauben,
dass der Himmel sich klärt
Denn so ganz ohne Hoffnung
ist das Leben nichts wert



Und so muss der Hintergrund heute das dunkelste in diesem Blog bleiben. Schwäche gehört zum Leben dazu, immer. Man kann ziellos sein und planlos. Hin und wieder auch mut- und kraftlos. Aber man darf sich nicht aufgeben... Auch wenn man es vielleicht manchmal möchte.

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Kommen wir so langsam wieder zum Ende, meine Freunde. Und zu den Chancen, die mir besonders am Herzen liegen. Ich habe es schon in meinem letzten Eintrag erwähnt und werde nicht müde, es wieder zu tun:

Unser aller Wege haben sich irgendwann mal gekreuzt. Irgendwann stand ich jedem von Euch mal sehr nahe. Heute habt Ihr Eure eigenen kleinen Planeten, von denen manche in anderen Sonnensystemen zu liegen scheinen. Vorbei zu schauen und wenigstens kurz hören zu können, was bei Euch so los ist, war das beste, was das Schicksal mir an neuen Chancen geboten hat.

Natürlich musste nicht wirklich etwas passieren, damit ich diese Chance bekomme... aber irgendwie wohl doch.

Macht es besser als ich und lasst Euch ruhig helfen, wenn das eigene Päckchen mal zu schwer wird. Oder macht den ersten Schritt in die Richtung von jemandem, bei dem ihr immer denkt "es ist schon viel zu lange her". Oder begrabt diesen albernen Streit von vor Jahren. Ihr wisst doch eh kaum noch, worum es damals ging.

Nutzt die Chancen mit den Menschen, die Euch wichtig sind (oder waren), denn auch diese Gelegenheiten ziehen irgendwann vorbei. Irgendwann... für immer.

Und außerdem: Was habt Ihr zu verlieren?



You'll do it soon, you always say;
Perhaps today, at last -
But time is quick to slip away,
And chances swiftly passed.

There's always more for you and yours,
You hope inside your heart -
But life's bizarre, and closes doors,
Before you've time to start.

So take the time to make it right,
And know, for what it's worth -

Perhaps you'll raise a spark of light,
On someone's lonely Earth.
(Sam Garland)
 


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Also dann, liebe Freunde & Mitstreiter, 
liebe Schatten & Gespenster aus der Vergangenheit...

Hier endet der heutige Ausflug mal wieder, der dann doch irgendwie weniger ein "Lagebericht" war, als geplant. 

Wo auch immer ich Euch grad erwische - in der Mittagspause, der Bahn, oder im Bett: Ich hoffe, es geht Euch gut & freue mich, dass Ihr da wart.

Und wenn Ihr Lust habt: Nutzt die Chance & schickt mir ein paar Zeilen. Hier, oder über den Kurznachrichtendienst Eurer Wahl.


Vielleicht bis bald

Micha



Mittwoch, 31. Juli 2019

Neue Zeit in alten Tagen



An neuen Wänden - alte Bilder
Das alte Ich im neuen Schein
Hab' mich gewöhnt an all das Fremde
Hier bin ich Mensch
Darf ich es auch sein?


Beklemmend, beengend
Mehr Kerker als Kammer
Verlassen, allein und...
Ach hör' auf zu jammern!

"Alt" heißt nicht "gut"
Und "neu" auch nicht "schlecht"
Sieh der Wahrheit ins Auge
Denn das Glück war nicht echt.

Neue Zeit - bekannte Gesichter
Wenn es drauf ankommt: nicht allein
Doch wohin soll das alles führen?
Ich weiß es nicht
Lass mich drauf ein 

Neue Straßen und Wege
Die Freiheit unendlich
Dieser Ort ist ganz "ich"

Mein zu Hause

Befremdlich.


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Hello again. Schön, dass Ihr da seid.
Wieder ist viel Zeit vergangen, aber diesmal spare ich mir den Lagebericht. Wer das hier ließt, der weiß, was geschehen ist.

In etwa. Im unspektakulären Groben und Ganzen. Oder im dreckigen Detail.

Es gibt unzählige Umschreibungen für das Geschehene: Der Zug ist entgleist... Das Kind ist in den Brunnen gefallen... Die sprichwörtliche Scheiße hat den sprichwörtlichen Ventilator getroffen, der sie treffsicher überall verteilt hat. Und als ich mich in den Trümmern wiederfand, kam es mir vor, wie das absolute - und sehr unsprichwörtliche - Ende. Doch das war es nicht.

Vermutlich hängt alles ab von Perspektive und Fokus... Denn als ich auf die Frage, warum ich mich auf Wohnungssuche befinde, nur mit einem knappen "Trennung" antwortete, reagierte der potenzielle Vermieter darauf mit den Worten: "Ach, das Übliche also." Des Einen Apokalypse ist des Anderen Wetterbericht von vor zwei Wochen: langweilig, irrelevant und... rückblickend oft nicht zutreffend.

Perspektive. Fokus.

Die erste - und vielleicht wichtigste - neue Perspektive, die sich mir geboten hat, war die Erkenntnis wie viele Menschen noch bereit sind, Anteil zu nehmen. Auch nach vielen Jahren ohne jeden Kontakt. Auch an Punkten im Leben, an denen man sagen muss, "wir haben nichts mehr mit einander zu tun", haben sie innegehalten. Ungeachtet der Umstände sind sie von ihrem Weg abgewichen, um nach mir zu sehen. Um zuzuhören. Um meinen Fokus zu lenken.

Erstaunlich... "Ergreifend" möchte man sagen.

Manche sind schon wieder weitergezogen, auf ihren eigenen Wegen. (Richtig so! Es ist schließlich EUER Weg.) Andere bleiben vielleicht noch eine Weile. Begleiten mich noch ein Stück - oder ich sie.

In jedem Fall danke ich Euch. Von ganzem Herzen. (Ihr wisst, wer Ihr seid.)

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Jetzt sitze ich also hier, in meiner neuen Welt und schreibe. Die Zeiten, in denen es nur darum ging, zu überleben und weiter zu machen, sind (zum Glück!) vorbei. All die Tage, die mir oft wie Wochen und Monate vorkamen, sind rückblickend doch nur Tage gewesen. Ein paar Dutzend von über 12.000, die bereits hinter mir liegen. Letztendlich nur Fußnoten.

Es war ein merkwürdiger Prozess, den ich in den letzten Monaten durchlaufen habe. Anfangs mit den Gedanken immer in der Vergangenheit, in ständiger Angst vor dem Vergessen und dem Vergessenwerden. Später dann ständig auf der Suche nach neuen Gründen um weiter zu machen. Grundlos hektisch und praktisch planlos. Einfach weiter.

Jetzt habe ich das Gefühl, vorerst angekommen zu sein. Für den Moment. Genug um kurz zu reflektieren und zu schauen, wo ich stehe. Um zu versuchen, das Ganze zu sehen. Schonwieder... Denn wer meinen letzten Post gelesen hat, weiß vielleicht noch, dass ich zu dieser Zeit an genau dem gleichen Punkt war. Es war alles das Gleiche - nur komplett anders.



Der Schein des Guten kann uns blenden
Das Negative trübt den Blick
Doch wohin uns'ren Fokus lenken
Nach links und rechts?
Nach vorn? Zurück?

Der Glanz alles Neuen
Und die stets gleichen Sorgen
Die stürmische Nacht
Und der strahlende Morgen

Die Momente des Glücks
Die verfloss'ne Romanze
Lass Dich nicht blenden
Und schau auf das Ganze


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Es ist manchmal sehr einfach, die eigene Perspektive und den Blick auf das Leben verzerren zu lassen. Das Gras des Nachbarn ist irgendwie immer grüner... Das gilt natürlich umso mehr, wenn der eigene Rasen komplett verbrannt ist. Aber was bedeutet schon der Rasen? Und stinkt die Mülltonne des Nachbarn weniger, bloß weil sein Rasen gepflegt ist? Wohl eher nicht.

Vielen fällt es schwer, das Negative (oder Suboptimale) im eigenen Leben richtig zu bewerten. Vor allem beim Blick auf die Errungenschaften anderer, passiert es schnell, dass man mit sich selbst zu hart ins Gericht geht. Nicht aus Neid, oder gar Missgunst. Einfach als Teil einer verzerrten Selbstwahrnehmung. Wie zum Ausgleich schaffen wir (oder manche von uns) dann ein Bild der eigenen Realität, dass wir der Außenwelt präsentieren. Ein Schutzwall aus Erlebtem, Erfolgen und magischen Momenten gegen die nagende Unsicherheit.

Das war schon vor 10 Jahren so. Wir folgten einander auch damals schon. Als stille Beobachter, neugierige Kommentatoren, oder gar persönliche Cheerleader... Aber irgendwie wirkt es heute... realer.




Das Lächeln kommt wieder
Bin nur noch nicht wach
Ich guck auch nicht böse
Ich denke nur nach
 
Mir geht's wirklich blendend
Du brauchst nicht zu fragen
Denn wenn doch was wäre
Dann würd ich's Dir sagen
 
Die Tränen, ach was...
War nur'n trauriges Lied
Warum glaubst Du mir nicht?
 
Schau doch in meinen Feed.

 

Ich nehme mich selbst bei all dem nicht raus. Seit der Trennung bin ich in den sozialen Medien wieder außerordentlich aktiv. Ist das prätentiös? Die Sucht nach Anerkennung? Oder einfach nur die Nutzung der Möglichkeiten, die uns geboten werden, um Freunde und Bekannte (die es interessiert) an unserem Leben teilhaben zu lassen? Ein bisschen von allem, würde ich sagen. Es ist in jedem Fall nichts Falsches, denn es hilft auch uns selbst, den Fokus auf das Positive in unserem Leben zu lenken. Social Media, mein Youtube-Kanal, neue Hobbies. All das gehörte genau so zu meiner Heilung, wie...


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... Die Gespräche mit einigen von Euch. Es wirkt fast banal, weil es einem ständig geraten wird. "Vertrau Dich anderen an." Aber ich habe zunächst nicht daran geglaubt und mich über Wochen zurück gezogen. Zum Teil, weil ich mir die Frage "Was soll das bringen?" nicht beantworten konnte... Aber nicht zuletzt auch, weil sich das, was mir passiert ist, wie Versagen angefühlt hat. Angesichts der "perfekten" Einblicke, die man in das Leben anderer bekommt, war es dann wohl auch umso schwerer, zu sagen "Es ist so passiert. Ich konnte es nicht verhindern. Ich konnte nichts tun."

Irgendwie albern, ich weiß. Zumal die Gespräche gezeigt haben, was man eigentlich weiß, aber oft nicht wirklich realisiert: Kein Leben ist perfekt und jeder hat sein Päckchen zu tragen. Und viele tragen deutlich schwerer, als ich es vermutet hätte.

Es ist, wie es ist. Und manchmal ist es halt Scheiße. Sprecht darüber, kotzt Euch aus. Bei Menschen, die Euch nahe stehen, bei Freunden, bei mir. Es ist wohl nie die Lösung, aber manchmal ein Teil des Weges zu ihr.

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Nun reicht es aber auch wieder... Genug der Bildsprache, der Hinterhofpoesie und der Abhandlung über die Rolle der sozialen Medien in der Bewältigung persönlicher Krisen. Wie schon beim letzten Mal, weiß ich auch diesmal nicht, ob das der letzte Eintrag in diesem Blog war, oder ob ich ihn nochmal missbrauche. In letzterem Fall lasse ich es Euch natürlich wissen.


(Falls Ihr das nicht wollt, antwortet oder kommentiert bitte mit den Worten "OMG! LASS MICH ENDLICH MIT DEM UNSINN IN RUHE!!!")
 


Jetzt macht Euch vom Acker
und genießt Euer Leben
Die Momente des Glücks
All das Schaffen und Streben
 
Ich wünsch' Euch Erfolg
Und stets Wasser am Kiel
Keine Tränen der Trauer
Doch der Freude sehr viel
 
Und wenn Euch danach ist
Lasst die Gedanken ruhig gleiten
Zu mir und zu uns
Und gemeinsamen Zeiten
 
Doch vergesst nicht was ist
wegen dem was mal war
Bitte nutzt Eure Zeit
Seid Euch folgendem klar:
 
Wie das Leben auch spielt
Wie das Schicksal sich wendet
Nur eines ist sicher

Dass alles mal endet. 



Vielen Dank für Eure Zeit, ich weiß es sehr zu schätzen. Auch dieses Mal erwarte ich nicht, dass Ihr reagiert, freue mich aber immer, von Euch zu hören. Passt auf Euch auf und... vielleicht bis bald.

Micha


P.S.: Reimen ist wirklich ein unterschätzter Zeitvertreib. :D



Dienstag, 23. Januar 2018

post septem annos - 7 Jahre später

Am 17.03.2010, also vor fast sieben Jahren, habe ich zum letzten mal einen Text veröffentlicht. Nicht nur hier, sondern - wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht - generell. Es ist so lange her, dass ich fast sagen möchte, dass ich es vergessen habe. Es lag nicht am Mangel an Ideen, oder Zeit; Ich bin dem Schreiben auch nicht "entwachsen" - Ich hatte einfach nicht das Verlangen danach.

Und doch sitze ich jetzt wieder hier und schreibe.

In der Nacht zu gestern ist meine Großmutter gestorben. Sie war Mitte siebzig, hatte vor etlichen Jahren aufgehört zu rauchen, trank fast keinen Alkohol, war viel unterwegs, ging regelmäßig zum Sport und besserte mit Näharbeiten ihre Rente auf. Sie war fit, gesund und unternehmungslustig. Und doch schlief Sie am Sonntag ein und wachte am Montag nicht mehr auf. Einfach so.

Ich würde mich wohl selbst belügen, wenn ich sage dass das nicht der Grund ist, warum ich jetzt hier sitze. Aber es ist nicht ihr Tod an sich, der mich jetzt nachdenklich werden lässt, vielmehr sind es die Umstände. Man hört täglich von Todesfällen, die sich wie aus dem Nichts ereignen, aber die schonungslose Härte und Endgültigkeit, mit der man konfrontiert wird wenn es das eignene Umfeld trifft, raubt einem dennoch die Fassung.

Aber darum soll es hier nicht gehen. Mit diesem Text will ich nicht ihren Tod verarbeiten - zumindest glaube ich das.

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Wer das hier liest, hat den Link zu diesem Text mit großer Wahrscheinlichkeit (direkt, oder indirekt) von mir bekommen. Ein Lebenszeichen an jene, von denen ich glaube, dass es sie interessieren könnte. Im Moment habe ich Zeit (mehr dazu weiter unten) und die möchte ich irgendwie nutzen. Ich hasse das Gefühl, unproduktiv gewesen zu sein, obwohl die Umstände Produktivität zugelassen hätten. Ob das "Produkt" dabei irgendeinen Mehrwert hat spielt für mich dabei (zum Glück) keine Rolle.

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Es ist nun also 7 Jahre her.

Ich bin jetzt 31 Jahre alt und damit ist die Zeit, die man "Jugend" nennt, ohne Zweifel endgültig vorbei. In bestimmten Situationen ist es heutzutage zwar gesellschaftlich akzeptiert, wenn sich erwachsene Menschen wie Jugendliche verhalten, aber das ändert nichts an den Erwartungen die an einen gestellt werden wenn man endgültig kein Jugendlicher mehr ist.

Wo also stehe ich jetzt? Was habe ich "erreicht"? Die Antwort darauf hängt (denke ich) von der Perspektive des Betrachters ab.

Man könnte sagen, dass ich sprichwörtlich mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehe, weil ich mein Leben durch Arbeit immer gut finanzieren konnte, nie in Abhängigkeit geraten bin und keine Schulden gemacht habe.

Man könnte mein Leben aber auch "unstet" und "unsicher" nennen, weil ich seit Ende November ohne Arbeit bin und in anderthalb Wochen meinen mittlerweile siebten Job in sieben Jahren beginne.

Ich könnte mich mühen und zu jedem einzelnen Jobwechsel Gründe liefern; Könnte untermauern, warum es nie meine Schuld war, aber das werde ich nicht tun. Ich hinterfrage das mittlerweile selbst nicht mehr. Ich arrangiere mich einfach damit. Also weiter im Text...

Man könnte sagen, dass ich ein gutes Leben führe und es bestimmt genug Leute gibt, die gern mit mir tauschen würden. Natürlich, warum auch nicht? Ich lebe mit meiner Freundin (mit der ich im nächsten Monat seit 10 Jahren zusammen bin) und meinem Hund in einem kleinen Haus mit großem Garten. So in etwa hatte ich mir das auch gewünscht.

Man könnte aber auch sagen, dass das nichts Halbes und nichts Ganzes ist, weil ich mehr durch Glück und glückliche Umstände zu all dem gekommen bin und nicht durch Leistung, oder Arbeit. Auch dass ich nach 10 Jahren Beziehung weder verheiratet bin, noch Kinder habe erscheint vielen als Makel auf der schönen Fassade.

Keine Ahnung, wie ich das alles selbst einschätzen soll. Ich habe nicht das Gefühl, weiter zu sein, oder weniger weit, als noch vor sieben Jahren. Ich bin einfach anders...

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"Sieben Jahre", das klingt eigentlich nicht nach viel. Betrachtet man es aber aus einem anderen Blickwinkel, ist es fast ein Viertel meines bisherigen Lebens. Es ist gar die Hälfte des Lebensabschnitts, den ich als (weitgehend) "selbstbestimmt" bezeichnen würde. Und nichtzuletzt beinhalten diese sieben Jahre nahezu mein komplettes Erwachsenwerden. Nicht das körperliche, oder psychische. Vielmehr das gesellschaftliche und soziale.

Betrachtet man es so, ist es eine verdammt lange Zeit. Aber was hat sie gebracht?

Nun, wenn ich versuche das Jetzt mit meinem Leben in 2010 zu vergleichen, stelle ich unweigerlich fest, dass alles anders geworden ist. Es gibt keine wirklichen Gemeinsamkeiten mehr. Die Umstände, meine Sicht auf die Dinge und ich selbst, als Mensch. Alles ist anders. In dieser Phase des Lebens ist das aber vermutlich völlig normal.

Dass sich die Dinge ändern, kann und sollte man erwarten. Wirklich interessant ist nur das "wie".

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Menschen kommen und gehen - das weiß (und damit rechnet) jeder. Aber kann man vorhersagen, wer & wann & wie?

Vor sieben Jahren hatte ich zumindest eine grobe Vorstellung davon, wer mir erhalten bleiben würde und wessen Weg sich über kurz oder lang von meinem trennt. Meistens lag ich damit aber falsch. Einige Menschen, von denen ich dachte, dass uns "so schnell nichts trennt", habe ich schon seit Jahren weder gesehen, noch gesprochen. Bei anderen war es genau umgekehrt. Aus heutiger Sicht wundert mich diese hohe "Fehlerquote" nicht mehr. Es geht ja nicht nur darum, wie sich mein eigenes Leben entwickelt, sonder auch um das Leben der Menschen, die mir damals nahe standen. Zu glauben, dass man für beides Vorhersagen treffen könnte, ist natürlich albern.

Vor sieben Jahren waren auch noch alle meine Großeltern am Leben. Natürlich wusste ich schon damals, dass ich mich damit sehr glücklich schätzen konnte und dass das alles andere als selbstverständlich ist. Von den Großeltern meiner Freundin lebte zu diesem Zeitpunkt dagegen bereits keiner mehr. Mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf habe ich mir auch damals schon darüber Gedanken gemacht, wie lange ich dieses Glück wohl noch habe und von wem ich mich (angesichts von Alter und Gesundheitszustand) vermutlich als erstes verabschieden muss. Je schlimmer und unausweichlicher das Ereignis ist, desto mehr möchte man darauf vorbereitet sein.

Heute sitze ich hier und versuche den Tod meiner Großmutter (mütterlicherseits) zu realisieren. Wieder lag ich falsch. Bei ihr hatte ich am allerwenigsten damit gerechnet, dass sie als erste aus dieser Generation geht. Nicht dass es bei jemand anderem ein weniger großer Verlust gewesen wäre (natürlich nicht!), nur war ich bei ihr am wenigsten darauf vorbereitet. Es ist nun umso schwerer, dem ganzen einen Sinn, oder gar etwas Positives abzugewinnen, weil die üblichen Phrasen einfach nicht passen wollen. ("Sie war alt genug", "Wenigstens hat sie sich nicht gequält", etc.)

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Leben heißt Veränderung, das weiß ich so gut wie jeder andere.

Leider konnte ich nie besonders gut mit Veränderungen umgehen, zumindest kommt es mir so vor. Nicht dass ich nicht wüsste, dass Veränderungen auch positiv sein können, oder gar dass ich wollte, dass alles immer gleich bleibt... Ich glaube es fällt mir oft nur schwer, mit Dingen wirklich abzuschließen.

Obwohl ich weiß, dass es sinnlos ist und ich lieber im hier und jetzt leben sollte, erwische ich mich allzu oft dabei, wie ich mich in alten Bildern, oder gar auf alten Internetplattformen verliere. Meistens sind es dann "Was wäre gewesen, wenn..."-Szenarien, die mich umtreiben.

Life is becoming, not being. "Das Leben ist Werden, nicht Sein." - Diesen Satz hat mir mal jemand hinterlassen und je älter ich werde, desto mehr Wahrheit finde ich in diesen Worten. Das Problem ist nur... manchmal würde ich gern einfach nur sein. Kennt Ihr das?

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So langsam fühlt sich dieser Text wie ein Brief an die Vergangenheit an, daher komme ich nun besser zum Ende.

Ich freue mich über jeden von Euch, der es (diesen Text und auch Euer Leben) bis hierher geschafft hat. Noch mehr würde es mich natürlich freuen, wenn Ihr diesen Blick auf die Vergangenheit durch ein paar Worte mit etwas Gegenwart füllt.

Aber keine Sorge: Dass ich Euch diesen Text geschickt habe heißt nicht, dass ich Reaktionen von jedem Einzelnen erwarte. Dafür ist alles viel zu lange her.


Macht's gut und bleibt gesund!

Euer Micha

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P.S.: Dass ich wieder hier geschrieben habe, heißt nicht, dass ich den Blog wiederbeleben will. Vielleicht kommt nochmal was, vielleicht aber auch nicht. Wer weiß...

Mittwoch, 17. März 2010

Im Exil

"Hier gibt es Wölfe." sagen sie uns. "5 Rudel mit ungefähr 50 Tieren. Die einzigen in Deutschland, die sich nicht nur in einem eingezäunten Gebiet bewegen." Der Stolz in der Stimme ist deutlich zu hören. Man hat mich verbannt.

Neidvoll folgt mein Blick dem Rauch meiner Zigarette, der sich in die nächtlichen Wälder der Lausitz ausbreitet. Ich beneide ihn um seine Freiheit. Um seine Gewissenlosigkeit. Der Blick über meine Schulter erinnert mich an die Realität, als er auf die Wand der Backsteinbaracke fällt. "Haus 13" verkündet ein angelaufenes Schild. "Zimmer 23" sagt der Metallchip an dem kleinen Schlüsselbund.

Zur Sache:

Letzte Woche bekam ich einen Brief vom Bundesamt für den Zivildienst (BAZ). Inhalt war, dass ich mich gefälligst am Dienstag, den 16.03. in einem Ort namens "Schleife" in Sachsen einzufinden hätte... zum Glück haben faule, verlauste Zivis, wie ich, nie irgendwelche längerfristigen Pläne.
Zum Örtchen Schleife braucht man eigentlich kaum etwas zu sagen. Es liegt kurz hinter der deutsch-sächsischen Grenze und ist eines der 5 sorbischen Kulturzentren in Deutschland. Was mich nach Schleife führt ist allerdings die Zivildienstschule. Eine von 17 in ganz Deutschland (für Zahlenfetischisten). An dieser Zivildienstschule werden Seminare zur politischen Bildung angeboten, die seit dem 01.01.2010 für alle Zivildienstleistenden Pflicht sind. So auch für mich.

Lange Rede, gar kein Sinn: ich hasse es hier. Ich sitze mitten in der verdammten Pampa! Bzw. in einem Wald, der offenbar ausschließlich von Wölfen und Wildschweinen bewohnt wird. Die Zivildienstschule besteht aus einigen Teilrenovierten Baracken aus den Jahren 1936/37, in denen mir den lieben langen Tag gepredigt wird, wie froh ich doch darüber sein kann, dass ich Zivi bin. Und als ob das noch nicht genug wäre, teile ich mein Schicksal mit über 100 anderen Zivis, von denen etwa 90% Sachsen sind.
ICH, der ich ohnehin schon schwerhörig bin! Ich fühle mich fast schon ausgestoßen zwischen all dem unverständlichen Gebrabbel, weil mein Wortschatz sich an diesem Ort notgedrungen auf die Wörter "Wie bitte?", "Was?" und "Hä?" beschränkt. Freakig...

Ich muss Schluss machen. Einer anderer fordert sein Internetnutzungsrecht. Wünscht mir Glück, damit ich Freitag wieder ungeschädigt in der Heimat ankomme.

So far...

Sonntag, 7. März 2010

Im Dunkeln

Irrend durch enge Gassen. „Wo sind wir? Das hier ist die Pampa!“ Die Richtung stimmt, aber der Weg ist der Falsche. „Parallel.“ sagt die Stimme von ganz weit oben. Die blutunterlaufenen Augen finden schlussendlich ihr Ziel. „Geschlossen“ sagen die Jalousien.

Erneutes Irren. Laufen. Schritthalten. Auf militärische Art.

Angekommen in der wohl dunkelsten Kaschemme Berlins brechen elektronische Beats über mich herein. Es sieht schmutzig aus. Und stickig. Ich mache mich gefasst auf die passenden Gerüche. Modernde Schnapsleichen und Urin währen zu erwarten gewesen, doch bleiben aus. Wirbelnde Lichter weisen uns den Weg zur Ledercouch und ziehen den Boden mit sich. Tapsiges Schleichen ersetzt den flotten Stechschritt, ob der erhöhten Schwindelgefahr. Im sitzen gewöhnen sich die Augen an die Lichtverhältnisse.

Die Deko passt am allerwenigsten zu der netten Tante hinter der Theke. An den Wänden und in schmierig-milchigen Glaskästen hängen leblos die abgetrennten Gliedmaßen irgendwelcher Aliens. Freakig. Ein bisschen Fear and Loathing in Las Vegas. Ohne Zweifel war der Innenarchitekt cracksüchtig. Egal, solange der Gin-Tonic nach mehr schmeckt.

Der Riese ist wütend, denn irgend so ein Typ trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „poetry“. Dämliches T-Shirt, zugegeben. Mr. Universum rupft nervös an einer holländischen Zigarettenschachtel herum. „Rooken is dodenljik“ oder so etwas in der Art steht darauf. Die beiden am Tisch gegenüber haben sich offenbar dafür entschieden, sich gegenseitig aufzufressen, während das kriechende Chaos sich die siebte Zigarette in einer viertel Stunde ansteckt. Es zieht.

Gesprächsfetzen.

Ich (mit verstellter Stimme) : „Wollt ihr das totale Brötchen?“

Riese: „Holt euch jetzt Hitler auf euer Handy, im Jamba Sparabo!“

Mr. Universum: „Sende jetzt HITLER an die 0815 und vermesse die Schädel Deiner Freunde ganz einfach mit Deinem Handy!“

Riese: „Oh man, dafür kommen wir alle in die Hölle…“

In der wabernden Dunkelheit der großstädtischen Nacht geht schlussendlich alles unter. Wörter, Sätze, Gedanken. Wir selbst verlieren uns an einem Bahnhof zwischen Wildfremden, mit dem Bild eines singenden Flaschensammlers, das sich in unser Gedächtnis eingebrannt hat. Planlos wie vorher. Mit vollem Bauch und leerem Kopf.

Man findet keine Erlösung… in einer immerdunklen Nacht.

- Unnützes Wissen: In der 41-jährigen Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik gab es keinen einzigen erfolgreichen Banküberfall.
...wissen se, 's war nisch alles schlecht inna DDR.

- Weisheit der Woche: Es gibt viele Argumente gegen Kinder. Sie sind zu teuer, zu laut, zu klein... und einfach nicht belastbar.

So far...

Sonntag, 24. Januar 2010

Update 01/2010

Salve!

Ich hoffe, Ihr seid heil angekommen... also hier... und in 2010.

Ich selbst bin es, auch wenn mein beinahe 40-tägiges Schweigen anderes vermuten ließ. Warum, fragt ihr? Keine Ahnung... ich behaupte einfach ganz schnippisch, es lag an der Enttäuschung über die ausgebliebenen Kommentare zu meinem letzten Eintrag.

Aber nun, ohne Umschweife, das Update:

- Ich arbeite vorerst nicht mehr auf dem Friedhof. Die Wildauer Bibliothek hat Hilfe angefordert & ich wurde geschickt. Ich bin jetzt also Aushilfsbibliothekarsgehilfensklave, oder so. Und, glaut es oder nicht, auf dem Friedhof kam ich häufiger zum Lesen, als jetzt in der Bibliothek.

- Mein Soloprojekt liegt auf Eis. Mit meiner Band habe ich am 03.04. einen Auftritt im K17 & dafür muss ein neues Programm her. Das geht im Moment vor. Aber aufgeschoben ist nicht aufgezogen uswusf.

check: http://myspace.com/darwinsrevengemusic

- Ich werde weiterhin ab und an Kurzgeschichten schreiben, sie allerdings nicht mehr hier veröffentlichen. Die gibts dann für Interessierte per Mail.

NEU NEU NEU NEUE RUBRIK!!!

- Unnützes Wissen: Seit 1983 hat der weibliche Brustumfang in Deutschland um durchschnittlich 4 Zentimeter zugenommen.
... na wenn schon die Wirtschaft nicht wächst...

- Weisheit der Woche: Wer regelmäßig vor 8:00 Uhr aufsteht, leidet unter Umständen unter "seniler Bettflucht" und sollte sich in Behandlung begeben.
... ich bin dann mal beim Arzt.

... so far ...

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Etwas anderes



Grüße!

Ich muss mich entschuldigen. Zum einen, weil ich mich so lange in Stille gehüllt habe & zum anderen, weil ich meinen Blog jetzt für etwas anderes gebrauchen muss, als für das, wofür er eigentlich gedacht war. Ich hatte den Drang, etwas zu schreiben & ich sah mich in der Pflicht, meinen Freunden und Seelenverwandten Bericht zu erstatten. Diesmal ließ sich jedoch das eine nicht mit dem anderen verbinden, denn ich musste mal wieder etwas anderes schreiben. Ich hoffe, ihr gebt dem Text trotz seiner Länge eine Chance & erwarte gespannt eure Kommentare:


Antropophob
(Eine Kurzgeschichte)

Er saß auf einer uralten Bank in der kleinen Baptistenkirche von Nordheim. Seine nikotingelben Finger strichen über die einst goldenen Lettern eines angestaubten Gesangsbuches. Als die Schritte von Richard, dem Hausmeister, die sakrale Stille brachen, erwachte auch er aus seiner grüblerischen Lethargie.
„Hallo, Anton“ echote es durch den Raum. „Ich hab Sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Geht es Ihrer Mutter wieder besser?“
„Ja, danke Richard“ Die Antwort war mehr Krächzen als Sprechen, aber der Hausmeister war ohnehin einer der ganz wenigen Menschen, mit denen Anton Neumann überhaupt sprach. „Sie muss schon nicht mehr das Bett hüten.“
„Das freut mich, Anton. Nach allem, was ich gehört habe, grenzt das ja an ein Wunder.“
„Ja… sieht ganz so aus.“
In Nordheim gab es schon seit mindestens fünfzehn Jahren keine nennenswerte baptistische Gemeinde mehr. Die meisten ehemaligen Mitglieder waren konvertiert oder einfach ausgetreten. Offiziell belief sich ihre Zahl noch auf ungefähr zwei Dutzend, von denen sich jedoch kaum die Hälfte noch regelmäßig in der Kirche sehen ließen. Anton war weder Baptist, noch gehörte er sonst einer Konfession an. Der Gedanke an einen allmächtigen und allgegenwärtigen Gott erfüllte ihn mit Unbehagen.
„Der Tag, an dem ich einem jähzornigen Stalker huldige, muss erst noch gebaut werden“, dachte er oft. Dass er hier her kam, hatte keinerlei religiöse Gründe. Er mochte die Stille. Er mochte den großen leeren Raum und dabei kam ihm zugute, dass angesichts der winzigen Gemeinde und abgesehen vom Hausmeister, nur sehr selten jemand anderes hier war.

Als er acht Jahre alt war, nahm ihn sein Vater an einem Sonntag, wie so oft, mit zu einem Fussballspiel ins Nordheimer Stadion. Es war September, aber immer noch angenehm warm und das bescheidene Stadion war mit etwa 800 Besuchern gut gefüllt. Die zweite Halbzeit dauerte noch nicht allzu lange und es stand, zu Antons großer Freude, 2:0 für die Nordheimer Spielvereinigung, als eine kleine Gruppe junger Männer aufstand und begann, feindselige Parolen zu skandieren. Es handelte sich um ein Paar der wenigen Fans, die mit der Gastmannschaft angereist waren und ihrem gejohle nach zu urteilen waren sie alles andere als nüchtern. Keiner kümmerte sich allzu sehr um die jungen Männer, denn Menschen, die besoffen Krawall machen, sind in Kleinstadtstadien keine Seltenheit. Auch Anton hatte keinerlei Angst und beobachtete interessiert die Szene. Er sah, wie einer der Jugendlichen in seiner Hosentasche kramte und einen kleinen Gegenstand herausholte. Als er die Flamme des Feuerzeugs sah, wurde Anton nervös und begann am Hemd seines Vaters zu zupfen. Doch noch bevor dieser reagierte, flog die kleine Kugel schon in ihre Richtung. Bestialischer Gestank breitete sich in einer dunklen Wolke unter den Zuschauern aus. Zwei weitere Stinkbomben explodierten kaum fünf Meter entfernt von Anton. Menschen stoben in Panik auseinander und versuchten Mund und Nase mit ihren T-Shirts oder den bloßen Händen zu bedecken. Einige erbrachen sich. Eine Frau fiel in Ohnmacht, stieß mit dem Kopf gegen ein Metallgeländer und blieb mit einer klaffenden Wunde an der linken Schläfe besinnungslos liegen.
Auch Anton und sein Vater ergriffen die Flucht, als die Woge panischer Leiber auf sie zugerollt kam. Anton lief dicht hinter seinem Vater, aber immer wieder drehte er sich in vollem Lauf um und schaute furchtsam auf die große, graue Rauchwolke und die Menschen, die vor ihr flohen. Deshalb sah er die ohnmächtige Frau mit dem blutigen Kopf nicht, über die sein Vater gerade hinweggerannt war. Anton stolperte und fiel. Er wäre mit Sicherheit überrannt worden, hätte sein Vater den Sturz nicht bemerkt und blitzschnell reagiert. Er wirbelte herum, riss seinen Sohn hoch, wandte sich wieder zur Fluchtrichtung und setzte Anton vor seinen Füßen ab. Die Dankbarkeit hatte keine Zeit sich auf Antons Gesicht zu zeigen und seine Augen schienen die Größe von Tennisbällen anzunehmen, als er über die Schulter seines Vaters den fluchenden Fleischberg von einem Mann sah, der auf die beiden zugerannt kam. Sein Vater sah ihn nicht mehr. Der Koloss stieß ihn aus dem schmalen Gang über die Lehnen der unteren Sitzreihe. Er stürzte zwei Reihen tiefer auf den harten Betonboden des Ganges. Anton wurde ebenfalls zur Seite geschleudert, doch durch einen Zufall, der ihm vielleicht das Leben rettete, landete er auf zwei Sitzen und somit nicht auf dem Fluchtweg der verängstigten Menschen. Vor Schmerz und Angst schreiend suchte er mit rastlosen Augen nach seinem Vater, doch als er endlich das vertraute Hemd erblickte, war es keine Freude, die seine Gesichtszüge veränderte. Der Körper seines geliebten Vaters wurde überrollt von einer Welle aus Schuhen, Beinen und Körpern. Als Anton wenige Augenblicke später wieder freie Sicht hatte, schienen alle seine Sinne bei dem entsetzlichen Anblick zu kapitulieren. Der verrenkte und offenbar mehrfach gebrochene rechte Arm seines Vaters. Der unnatürlich verdrehte Kopf in der wachsenden Blutlache. Anton wurde schwarz vor Augen und er erwachte erst zwanzig Minuten später auf dem trockenen Rasen des Spielfeldes.
Seit dem mied er jede Ansammlung von Menschen. Er wollte nicht mehr auf den Spielplatz gegenüber oder ins Kino. Er ging nur widerwillig und später sogar nur unter Zwang zur Schule. In ihrer Verzweiflung brachte Antons Mutter ihn zu einem Psychologen, der ihr von einer Nachbarin empfohlen wurde und auf Kinder spezialisiert war. Nach einem relativ kurzen Gespräch, das ohne die Erwähnung des grausamen Todes von Antons Vater ablief, lautete die Diagnose des Spezialisten: „Antropophob“. Menschenscheu.

Anton verließ die Kirche am späten Nachmittag. Er hatte einen guten Tag erwischt, denn es war selten, dass sich sogar der Priester derartig lange nicht blicken ließ. Die Hauptstraße wie immer meidend, machte er sich auf den Heimweg. Sein Gang war schleichend und langsam und sein Blick ruhelos. Das kindheitliche Trauma hatte ihm schwer zugesetzt und kaum ein Bereich seines Lebens war von den Einschränkungen, die die Phobie mit sich brachte verschont geblieben. Er überquerte die Luxemburg-Allee und als er das alte Heimatkundemuseum zu seiner Rechten sah, hellte sich sein Blick urplötzlich auf. Dies war der Ort, der ihm oft Unterschlupf bot, wenn er in der Baptistenkirche nicht ungestört sein konnte. Sofern nicht gerade Schulklassen auf Exkursionen anwesend waren, verbrachte er viel Zeit in dem Ausstellungsraum, der sich mit der örtlichen Tierwelt befasste. Denn der Geruch und der Anblick der ausgestopften Tiere erinnerten ihn an seinen Großvater und kaum etwas wirkte beruhigender auf seine gequälten Nerven.

Großvater Neumann war seiner Zeit Förster, veranstaltete Jagden und verdiente sich ein ansehnliches Zubrot als Tierpräparator für die trophäengierigen Jäger. Außerdem war er neben Antons Mutter der einzige, dem Anton nach dem Tod seines Vaters vertraute und dessen Nähe er suchte. Die Zeit, die Anton bei seinem Großvater verbrachte überwiegte schnell gegenüber der, in der er die verhasste Schule besuchte. Schon als Kind liebte er die wilden Geschichten von der Jagd und von den todesmutigen Kämpfen mit den Ungeheuern, die damals in den Wäldern um Nordheim gelebt haben sollen. Natürlich war es jedermann bekannt, dass es schon Jahrzehnte vor der Zeit, als der Großvater zum Nordheimer Forstbeamten wurde, keine Bären mehr in den hiesigen Wäldern gab, aber was ist schon eine Lüge, wenn der Lohn dafür die strahlenden Augen des eigenen Enkels sind?
Als Anton älter wurde, schaute er seinem Opa immer häufiger bei seiner Arbeit als Tierpräparator über die Schulter. Er liebte die Ruhe und Abgeschiedenheit, in der Menschen dieses Berufsstandes arbeiteten und half, sooft es ihm erlaubt wurde. Er war gerade erst sechzehn geworden, als ihm der Krebs auch diese Bezugsperson raubte. Die folgen dieses Verlustes waren fatal. Er ertrug, abgesehen von seiner Mutter, so gut wie keine menschliche Nähe mehr. Als die Tochter einer Nachbarin ihm an seinem siebzehnten Geburtstag einen Kuss geben wollte, schlug er ihr in seiner Panik zwei Zähne aus. Sein Weg zum menschlichen Schatten war geebnet.

Anton war nun fast zu Hause angekommen. Er freute sich auf seine Mutter und auf die Ruhe und Sicherheit, die ihm schon seit Jahren nur noch ihr gemeinsames Heim bieten konnte. In all den Jahren hatte er es mit vielen Berufen versucht, denn er wollte trotz seiner Phobie anständig für seine Mutter, den einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutete, sorgen können. Doch seine Bemühungen waren leider nie von Erfolg gekrönt. Einmal waren es seine Ängste, ein andern mal seine fehlende Qualifikation, die ihn immer wieder scheitern ließen. Als jedoch bei seiner Mutter erste Anzeichen einer Demenz festgestellt wurden, sorgte er dafür, dass er mit ihrer Pflege betraut wurde und war somit vom Arbeitsmarkt entfernt. Anton kümmerte sich rührend um sie aber konnte den Fortschritt der Krankheit nicht verhindern, die mit ihren erbarmungslosen Krallen nach seiner Mutter griff. Wutanfälle folgten auf völlige Lethargie und auf plötzliche Gedächtnislücken folgten Weinkrämpfe. Doch so stark Antons Abneigung gegen alle anderen Menschen war, so stark war auch die Bindung zu seiner Mutter. Er ertrug all das Geschrei, das Gefluche, das Gewinsle und Geheule und wich keinen Schritt von ihrer Seite.

Heute war Anton besonders guter Laune, als er die Wohnungstür aufschloss, denn der Zustand seiner Mutter hatte sich deutlich gebessert. Sie war, wie er Richard dem Hausmeister bereits erzählt hatte, nicht mehr ans Bett gefesselt und dass, obwohl die Ärzte sie schon vor Wochen aufgegeben hatten. Auch zeigte sie keine Anzeichen irgendwelcher Anfälle mehr. Nachdem er in die Wohnung getreten war, entledigte Anton sich behäbig seiner Jacke und begrüßte seine Mutter anschließend liebevoll. Sie saß noch immer in ihrem Sessel, wie zu dem Zeitpunkt, als er an diesem Morgen das Haus verlassen hatte. Anton nahm das Wasserglas aus ihren spindeldürren Fingern und trug es in die Küche. Er hatte gesehen, dass eine tote Fliege in dem Glas schwamm und nachdem er seiner Mutter frisches Wasser gegeben hatte, setzte er sich auf das alte Sofa und sah fern. Gegen neun Uhr ging Anton ins Bett, nachdem er seiner Mutter, die offenbar noch etwas länger aufbleiben wollte, eine gute Nacht gewünschte hatte. Er schlief sehr ruhig und träumte von uralten Ruinen, von längst vergessenen Kulturen und Rassen, denen die Zeit ihre Sprache geraubt hatte und an deren ewiger Stille er sich jetzt labte.

Als er am nächsten Morgen aus dem Bad kam, fand er seine Mutter an ihrem angestammten Platz und war glücklich darüber. Routiniert kippte er das alte Wasser aus ihrem Glas in die Spüle und ersetzte es durch frisches. Es bekümmerte ihn nicht, dass sie in letzter Zeit so wenig trank… oder aß…